Mehr als tausend Worte (Lilli Beck)

Junge Liebe – überlebt sie in den Wirren des 2. Weltkrieges?

Was sind „mehr als tausend Worte“, wenn es um die Liebe geht? In Briefen kann man sie festhalten, wenn man sich Jahre nicht sehen kann. Genau so ergeht es dem jüdischen Mädchen Aliza…

Beschreibung des Buches:
„Mehr als tausend Worte“ ist im 2019 im blanvalet-Verlag als Hardcover Buch erschienen. Es hat 490 Seiten. Auf dem Cover ist ein schwarz/weiß Foto eines jungen Paares abgebildet, was gut zur Geschichte passt. „Liegt hier die Zukunft?“, mag die junge Frau mit Blick in die Ferne sagen.

Kurze Zusammenfassung:
Aliza und Fabian, zwei junge Menschen, wachsen in Berlin auf, man schreibt das Jahr 1938. Nach der sogenannten Reichspogromnacht am 9. November 1938 wird es für Alizas Familie immer schwieriger in Deutschland zu überleben. Aliza wird von ihren Eltern mit einem Kindertransport kurz vor ihrem 17. Geburtstag nach England verschickt. Fabian wird zum Wehrdienst einberufen. Beide schwören sich ewige Liebe. Aliza bekommt von Fabian einen Verlobungsring und ein in Parfum getränktes Taschentuch, das sie immer an ihn erinnern soll. Werden sie sich (nach Ende des Krieges) jemals wieder begegnen?

Mein Leseeindruck:
Lilli Beck gelingt es einmal mehr, mich an ein Buch zu fesseln. Nach den ersten Seiten konnte ich diesen Roman nicht mehr zur Seite legen. Die mit vielen Details beschriebenen Umstände, unter denen Alizas Familie als Juden zu (über)leben versucht, sind kaum zu ertragen. Trotzdem gelingt es der Autorin durch die Liebesbeziehung von Aliza und Fabian einen kleinen Lichtblick in das ansonsten sehr tragische Geschehen zu zaubern.

Der Roman beschreibt die Zeit von 1938 bis Ende 1945. Während man über das Leben von Aliza in London stets auf dem Laufenden gehalten wird, erfährt man in einigen Kapiteln, wie es der Familie in Berlin ergeht. Aliza erhält von Fabian ab und an Briefe, die allerdings meistens schon einige Zeit unterwegs sind, bis sie bei ihr ankommen. Nach Kriegsende ist sie deshalb nicht wirklich informiert, wie es ihrer Familie und ihrem Liebsten geht. Haben sie alle überlebt?

Es ist Lilli Beck gelungen, die voranschreitende Ausgrenzung und Vernichtung der Juden in Deutschland und die Kriegsjahre am Beispiel einer ganz normalen Familie sehr bewegend zu beschreiben. Verpackt mit einer Liebesgeschichte nimmt man als Leser noch mehr Anteil und versucht sich in die beschriebenen  Situationen und Menschen hineinzuversetzen.

Gerade über die „Kinderauslandsverschickung“ habe ich bisher nicht viele Informationen gehabt. Durch diese Geschichte habe ich hier einiges „hautnah“ erfahren, die Autorin hat darüber intensiv recherchiert und das in ihren Roman eingearbeitet.

Es geht in diesem Buch um Mitgefühl, um das „Nicht vergessen“! Das ist Lilli Beck gelungen. Mit ihrer Geschichte berührt sie die Leser.

Das Ende hätte ich mir etwas ausführlicher und „dramatischer“ gewünscht, es kam doch sehr plötzlich. Hier hätte man für meinen Geschmack noch mehr Spannung einbauen können.

Fazit:
Gerade Generationen, die nur noch aus der Erinnerung der Großeltern oder aus Reportagen etwas über die Nazizeit erfahren können, erleben durch diesen Roman fast hautnah, was es bedeutet ausgegrenzt und letztendlich vernichtet zu werden. Die Erinnerung daran darf niemals erlöschen!

Bewertung: **** von *****

Sylvia Lott (Die Fliederinsel)

Geheimnisvolle Familiengeschichte

Zu diesem Buch habe ich mal wieder aufgrund des Covers gegriffen. Ein Fliederstrauß, Meer und ein Leuchtturm – das versprach eine schöne Urlaubslektüre für mich zu werden…

Beschreibung des Buches:
„Die Fliederinsel“ von Sylvia Lott ist 2017 im blanvalet Verlag als Taschenbuch erschienen. Das Buch hat 540 Seiten. Auf dem Titelbild ist ein wunderschön gemalter Fliederstrauß abgebildet, im Hintergrund sieht man einen Leuchtturm und das Meer, alles passend zum Inhalt ausgewählt.

Kurze Zusammenfassung:
Die junge Celia macht Urlaub auf der dänischen Insel Fünen. In ihrem Ferienhaus entdeckt sie durch einen Zufall ein Fliedergemälde. Als sie das Bild ihrer Vermieterin zeigt, werden in Inger Olsen Erinnerungen wach. Das Gemälde galt lange Zeit als verschollen. Es wurde von ihrer Mutter Ruth Liebermann, einer jüdischen Malerin gemalt, die 1938 mit ihrem Mann Jakob aus Berlin fliehen musste. Inger beginnt Celia die Geschichte ihrer Familie zu erzählen…

Mein Leseeindruck:
Dieser Roman ist in zwei Zeitebenen geschrieben, das ist Sylvia Lotts Leidenschaft. Ihre Romane sind nicht einfach nur Liebesgeschichten, sondern sie erzählen auch immer die Entwicklung der Personen. Hier handelt es sich um die Familiengeschichte der jüdischen Familie Liebermann.

Die eine Zeitebene spielt im Jahr 2016 auf der dänischen Insel Fünen. Hier entdeckt Celia das Fliedergemälde, welches in der Erzählung ihrer Vermieterin Inger Olsen eine besondere Bedeutung erlangt. Dieser Erzählstrang, die zweite Zeitebene, beschreibt die Jahre 1938 bis zum Ende des zweiten Weltkrieges.

Mich hat das Buch gefesselt. Ich fand die Familiengeschichte sehr spannend. Die geschichtlichen Hintergründe um jüdische Flüchtlinge in Dänemark und Schweden waren mir vorher nicht in ihrer Dimension bekannt. Hier hat die Autorin offensichtlich eine gute Recherchearbeit geleistet.

Sylvia Lott hat die Lebensverhältnisse der kleinen Familie (Ruth, Jakob und Inger) sehr anschaulich beschrieben. Man fühlt sich in die Geschichte hineinversetzt. Sie hat sehr unterschiedliche Charaktere geschaffen, die sie sehr gut herausgearbeitet hat und die der Geschichte eine gewisse Lebendigkeit verleihen. Die Wirrungen vor und während des zweiten Weltkrieges werden in ihrem Roman schonungslos, aber ohne zu belehren, dargestellt.

Eine weitere Thematik in diesem Buch behandelt das Trauma, was den Eltern als auch die Kinder mit diesem Krieg widerfährt. Hier ganz konkret die Trennung der Eltern von der kleinen Tochter, die bei guten Freunden und Verwandten aufwächst. Es lässt sich nur schwer vorstellen, was ein kleines Kind dabei empfunden haben muss, wenn die Eltern plötzlich nicht mehr da sind – um dann unvermittelt nach langer Zeit wieder aufzutauchen. Das Leben konnte einfach nicht ohne Misstrauen und Verlustängsten weitergehen.

Mich wird die Geschichte um Ruth, Jakob und Inger so schnell nicht mehr loslassen…

Fazit:
Die Erzählweise der Autorin ist packend, gefühlvoll und spannend. Hat man das Buch einmal angefangen, so kann man es schwer wieder weglegen, es fesselt und berührt.

Bewertung: *****

Pici. Erinnerungen an die Ghettos Carei und Satu Mare und die Konzentrationslager Auschwitz, Walldorf und Ravensbrück (Robert Scheer)

Eine Zeitzeugin erzählt ihrem Enkel ihre bewegende Geschichte

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Beschreibung des Buches:
In der Reihe „Nahaufnahmen“ des Marta Press-Verlages ist dieses Buch im März 2016 veröffentlicht worden. Es handelt sich um biografisches Buch von Robert Scheer, der sich in einem Gespräch mit seiner Oma Pici (Elisabeth Scheer) ihre Erinnerungen an ihre Kindheit und ihren Überlebenskampf in den verschiedenen Ghettos und Konzentrationslagern erzählen lässt.

Auf dem Titelbild sind Portraitfotos von Picis Familie abgebildet. Der Hintergrund des Buches ist in petrolgrün gehalten. Das Buch hat 223 Seiten. Zahlreiche Fotos, ein Personenregister und Literaturhinweise ergänzen Picis Erzählungen.

Kurze Zusammenfassung:
In einer chronologischen Erzählung (mit Zwiegespräch) erfährt der Enkel Robert schonungslos Einiges über das Leben seiner Oma Pici und ihrer Familie in den verschiedenen Ghettos und Konzentrationslagern.

Mein Leseeindruck:
Robert Scheer besucht seine Großmutter im Jahr ihres 90. Geburtstages in Israel, um sich von ihrer Kindheit erzählen zu lassen.

Elisabeth Scheer berichtet ganz unbefangen von ihren frühesten Kindheitsjahren: Der Vater hat einen Holzhandel, der zunächst gut läuft. Dann aber muss die jüdische Familie unter dem Nationalsozialismus leiden. Es folgt die Umsiedlung in Ghettos wie Carei und Satu Mare und schließlich das (Über)leben in den Konzentrationslagern Walldorf und Ravensbrück. Ihre Erzählungen geben dem Leser einen großen Einblick in das Familienleben der jungen Elisabeth und in ihre Wünsche und Träume.

Ihr Hinterfragen, warum Juden so schlecht behandelt werden, wird vom Vater stets abgeblockt. Er hat sich der Situation ergeben. Als die Familie nach und nach auseinander gerissen wird, beginnt der wirkliche Überlebenskampf, von dem Elisabeth Scheer schonungslos berichtet. Dabei spart sie nicht an Details. Die ganze Unmenschlichkeit wird dem Leser schonungslos vor Augen geführt, wenn Pici vom täglichen Kampf um Essen und nach einer Schlafstätte berichtet.

Gerade die Erinnerungen an jeden Tag im Konzentrationslager, die Angst vor Vergasung (offensichtlich wurde auch Lachgas verwandet, dann haben sich die Aufseher an den enthemmten Verhalten der Sterbenden ergötzt), der Hunger und immer wieder die Frage: „Wer hat den Eltern die Hand beim Sterben gehalten?“ lassen Elisabeth Scheer beim Erzählen stocken. Beim Lesen bleibt die Frage: „Wie kann man so etwas Schreckliches überhaupt überleben?

Einfach unfassbar, was diese Frau mitgemacht hat – und das Grauen überleben konnte. Die Familie fast ausgelöscht, die ständigen Erinnerungen, doch Elisabeth Scheer hat versucht, ihr Leben weiter zu gestalten, hat eine Familie gegründet und das stolze Alter von 91 Jahren erreicht.

Ihre (und unsere) Geschichte bleibt mit diesem Buch in Erinnerung! Man darf die Gräueltaten nie vergessen. Manchmal gelingt dies am besten, wenn man Zeitzeugen erzählen lässt, nur diese können wirklich berichten, wie es war.

Fazit:
Ein ergreifendes Buch, keine leichte Kost, ganz besonders, wenn man die Fotos anschaut und zu jedem einen Namen und seine Geschichte (durch Elisabet Scheer Erzählungen) kennt. Sehr authentisch wird das Ganze durch das Zwiegespräch zwischen Oma und Enkel. Vielen Dank, Robert Scheer, dass Sie ihre Oma ermuntert haben, sich Ihnen zu öffnen und schonungslos ihre Erlebnisse angehört und aufgeschrieben haben. Gerade in der heutigen Zeit brauchen wir Zeitzeugenberichte, damit NICHTS in Vergessenheit gerät.

Bewertung: *****