Verschnitt (Jennifer Hauff)

Das dritte Geschlecht – ein Rachefeldzug

Durch Zufall bin ich auf dieses Buch gestoßen. Das Titelbild sowie der Titel machen neugierig…

Beschreibung des Buches:
„Verschnitt“ von Jennifer Hauff ist 2020 im mainbook Verlag als Taschenbuch mit 309 Seiten erschienen. Auf dem Cover sind zwei Puppenköpfe zu sehen, einer der beiden „steht auf dem Kopf“ und ist zersplittert…der andere ist unversehrt.

Kurze Zusammenfassung:
Liane ist OP-Schwester. Sie will dem Kinderchirurg Johannes Gelders, der Experimente an Kindern vornimmt, das „Handwerk legen“. Dabei schreckt sie vor nichts zurück…

Mein Leseeindruck:
Mich hat der Sprachstil der Autorin von der ersten Seite an in die Geschichte gesogen. Der Prolog ist kurz, aber fesselnd und geheimnisvoll, man will sofort weiterlesen. Die Szenen sind so lebendig und detailliert beschrieben, dass man sich mitten im Geschehen fühlt.

Mir gefällt an diesem Thriller das Geheimnisvolle, die permanente Spannung und das eher noch wenig beachtete Thema Intersexualität. In diesem Buch kann man sich einen kleinen Eindruck verschaffen, was es mit Menschen machen kann, die sich keinem Geschlecht wirklich zugehörig fühlen. Sollte ein anderer Mensch schon im Kindesalter da eingreifen dürfen?

Die Autorin hat sich mit dem Thema Intersexualität intensiv beschäftigt und diese Erkenntnisse in diesem Thriller verarbeitet, ohne dass dies zu faktisch wirkt.

Man weiß zunächst nicht, warum Liane auf einem Rachefeldzug ist. Es gibt zwar immer wieder leicht versteckte Hinweise, aber die „Aufklärung“ lässt bis zum Schluss auf sich warten.

Besonders gut gefallen hat mir natürlich wieder einmal, dass dieser Thriller in Frankfurt am Main spielt. Ich finde es immer wieder spannend, wenn ich die Ecken und Plätze erkenne, die ich selbst manchmal entlanglaufe. Der ein oder andere Schauer wird mir sicherlich demnächst über den Rücken laufen, wenn ich die Buchschauplätze betrete.

Fazit:
Ein spannender Thriller mit dem Schauplatz Frankfurt am Main, der ein schwieriges Thema behandelt –gekonnt, spannend und gleichzeitig gefühlvoll umgesetzt.

Bewertung: ***** von *****

Queer Heroes (Arabelle Sicardi)

Ein schillernd buntes Buch für alle Menschen – das Leben ist farbig und bunt

Dieses Buch ist mir aufgrund seines farbigen Titels aufgefallen. Als ich es in unserer Buchhandlung durchgeblättert habe, musste ich es haben!

Beschreibung des Buches:
„Queer Heroes“ ist 2020 im Prestel Verlag als Hardcover mit 61 Seiten erschienen. Auf dem Cover ist der Titel in Regenbogenfarben glänzend hervorgehoben. Der Titel macht neugierig.

Kurze Zusammenfassung:
In diesem Buch werden 53 mehr oder weniger bekannte Persönlichkeiten vorgestellt. Es geht hier um die Farbigkeit der Gesellschaft. Von Freddie Mercury über Frida Kahlo, Leonardo da Vinci bis hin zum Paar Ellen deGeneres und Portia de Rossi findet man hier mutige Menschen, die ihr Recht auf ein selbstbestimmtes Leben ausgelebt haben bzw. ausleben.

Mein Leseeindruck:
Jeder Persönlichkeit in diesem Buch ist eine ganze Seite, manchmal auch zwei Seiten, gewidmet. Ich habe in diesem Buch viele mir bekannte Menschen entdeckt als auch Menschen, die mir bisher noch nicht in irgendeiner Weise „über den Weg gelaufen sind“.

Das Buch ist ganz wunderbar gestaltet. Jede vorgestellte Person ist in bunten Farben skizziert und illustriert. Unter diesem Bild findet man dann eine Beschreibung. Man findet in diesem Buch Menschen aus allen Epochen.

Manche kennt man, von manchen hatte zumindest ich noch nie etwas gehört oder gelesen. Interessante Einblicke in das Leben von Personen, die sich nicht von Vorurteilen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung haben beeindrucken lassen.  Im Gegenteil, in den hier vorgestellten Fällen haben sich große Persönlichkeiten entwickelt. Sie gelten vielen als Vorbilder.

Ein großartiges Buch, in dem man immer wieder blättert und Neues entdeckt.

Ein Mut-mach-Buch für alle!

Fazit:
Ein Buch zum Verschenken, zum Blättern und Staunen! Ein Buch vielleicht auch für Jugendliche, die sich irgendwie „anders fühlen“, vielleicht vor einem Coming-Out stehen. Es macht Mut!

Bewertung: ***** von *****

Zorn und Stille (Sandra Gugic)

Auf der Suche nach der Vergangenheit

Wie leben Menschen damit, dass sie aus einem Land kommen, das es so nicht mehr gibt?

Beschreibung des Buches:
„Zorn und Stille“ ist 2020 beim Hoffmann und Campe Verlag als Hardcover mit 238 Seiten erschienen. Das Cover ist in Braun gehalten, ein weißer Kaninchenkopf ziert den unteren Teil des Titelbildes.

Kurze Zusammenfassung:
Die Fotografin Billy Bana (früher Biljana Banadinowic) muss die Wohnung ihres Vaters nach dessen Tod auflösen. Dabei wird sie mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Aufgewachsen ist sie als Gastarbeiterkind in Wien, die Familie kam ursprünglich aus dem ehemaligen Jugoslawien.

Mein Leseeindruck:
Dieser Roman ist in mehrere Teile untergliedert mit und aus der Sicht der verschiedenen Familienmitglieder – und in verschiedenen Zeitebenen. Während der erste Teil  von Billy selbst im Jahr 2016 handelt,  folgt im 2. Romanteil ein Blick der Geschehnisse auf die Vergangenheit aus Sicht von  Billys Mutter Azra im Juli 2008. Dem schließt sich die Geschichte Simas (Vater von Billy) aus dem Mai 1999 an. Zum Ende des Buches (Januar 2018) erzählt Billy selbst…

Der Sprachstil der Autorin ist etwas ganz besonderes, sehr ausgefeilt, feinfühlig. Man kommt beim Lesen so richtig in einen Sog, der einen nicht mehr loslässt.

Sie beschreibt sehr bildhaft und emotional das Aufwachsen und das Leben ihrer Protagonisten. Dabei stört es keineswegs, dass der Roman in die verschiedenen Abschnitte unterteilt ist.

Gerade die unterschiedliche Betrachtung ihrer Protagonisten auf ihre Heimat und ihr Familiengefüge machen diesen Roman so lesenswert. Die Rückblicke sind wichtig, auch die Sicht aus und auf die einzelnen Familienmitglieder.

Mich hat dieser Roman sehr berührt. Es zeigt, dass ein Verlassen der Heimat immer einen großen Verlust bedeuten, die Familie zerbricht möglicherweise. Die Vergangenheit bekommt eine neue Bedeutung bei Verlust und Tod naher Familienmitglieder.

Der Autorin gelingt es mit diesem Roman die Gesellschaftspolitik ihres Heimatlandes zu beleuchten.

Fazit:
Ein wunderbar feinfühliger Gesellschaftsroman, dem ich viele Leser/innen wünsche!

Fazit: ***** von *****

Eine Frau räumt auf (Janine Schweitzer)

Spannend und bewegend zugleich

Durch ein Radiointerview bin ich auf dieses Buch aufmerksam geworden. Da ich in meiner Familie Fälle von Messie-Haushalten kenne, hat mich dieses Buch neugierig gemacht.

Beschreibung des Buches:
„Eine Frau räumt auf“ von Janine Schweitzer ist 2020 als Taschenbuch im riva Verlag mit 156 Seiten erschienen. Auf dem Titelbild sieht man die Autorin selbst in ihrer typischen Berufskleidung, hinter ihr ein Berg Haushaltsgegenstände.

Kurze Zusammenfassung:
Janina Schweitzer arbeitet als Schädlings-Bekämpferin, Tatort-Reinigerin und Messie-Entrümplerin. In diesem Buch berichtet sie von ihren ganz besonderen Fällen. Im Prolog schildert sie, wie sie zu ihrer „Berufung“ kam anderer Menschen Heim wieder lebenswert herzurichten. Zunächst erzählt sie von Einsätzen als Schädlings-Bekämpferin, in einem weiteren Kapitel geht es um ihre Arbeit als Messie-Entrümplerin und im letzten Kapitel berichtet sie von Tatort-Reinigungen.

Mein Leseeindruck:
Das Buch ist nichts für Menschen mit schwachen Nerven, denn alles, was hier dargestellt wird, entspricht der erlebten Realität.

Es wühlt auf, manchmal scheint es doch noch schlimmere Haushalte zu geben, als ich sie kennen gelernt habe. Man leidet beim Lesen wirklich körperlich. Die detailreiche Beschreibung lässt einen mitten in so manchem Chaos oder am Tatort stehen.

Ich konnte dieses Buch nicht abends lesen, denn es hätte mir den Schlaf geraubt. Dennoch fand ich die beschriebenen Einzelschicksale interessant, „spannend“ und gleichzeitig sehr traurig.

Die Autorin nimmt uns Leser mit an die Tatorte und zeigt uns die Spuren, wir können sie beim Lesen „sehen“ und das Gefühl der Trauer und Ohnmacht stellt sich ein. Dabei geht die Autorin sehr behutsam und pietätvoll auf die Einzelschicksale der betroffenen Personen ein.

Einen solchen Beruf kann man nicht ausüben, wenn man nur abgeklärt ist, man muss auch die Empathie besitzen, mit z.B. den Betroffenen oder auch Hinterbliebenen gefühlvoll umzugehen. Es reicht nicht, einfach nur ein Haus oder eine Wohnung zu reinigen, die Autorin ist hier oftmals auch als Seelentrösterin unterwegs.

Das Buch zeigt die andere Seite der Tür von Heimen – die, die man nicht sieht, die die Menschen verstecken, weil sie sich schämen und/oder einfach ohne Hilfe ihr Chaos auch im Leben nicht in geradere Bahnen lenken können. Die Autorin räumt nicht nur auf, sie hört zu, sie empfiehlt den Menschen, sich Unterstützung zu holen.

Fazit:
Ein aufrüttelndes Buch für Betroffene, für Angehörige, aber auch für Menschen, die sich einfach für die Arbeit als Tatort-Reiniger oder Entrümpler interessieren.

Bewertung: ***** von *****