Patentöchter – Im Schatten der RAF – ein Dialog (Julia Albrecht, Corinna Ponto)

Offener Dialog zwischen zwei Betroffenen (der Taten der RAF), deren Schicksal sie dadurch trennte

Patentoechter

Vor kurzem habe ich eine Dokumentation über Julia Albrecht (Schwester von S. Albrecht, die am Jürgen Ponto Attentat beteiligt war) im Fernsehen gesehen. Die Dokumentation hat mich sehr beeindruckt, deshalb habe ich mich für dieses Buch interessiert.

Beschreibung des Buches:
Julia Albrecht hat zusammen mit Jürgen Pontos (am 30.07.1977 von Mitgliedern der RAF ermordeter Vorstandssprecher der Dresdner Bank) Tochter Corinna Ponto dieses Buch veröffentlicht. Bereits im Jahre 2010 ist die gebundene Ausgabe des Buches erschienen. Ich habe das Taschenbuch, 2. Auflage, September 2012, mit einem Nachwort aus dem Frühjahr 2012 von Julia Albrecht gelesen.

Das Titelbild dieses Buches ist, angelehnt an den Inhalt, schlicht gehalten. Der rote Titel auf weißem Hintergrund sticht hervor. Lediglich ein kleines schwarz/weiß Foto mit Einsatzwagen vor einem Haus bebildert die Titelseite.

Kurze Zusammenfassung:
Dreißig Jahre (2007) nach der Ermordung Jürgen Pontos versuchen sich Julia Albrecht und Corinna Ponto nach den Vorkommnissen im Jahr 1977 wieder einander anzunähern. Nach einem ersten Treffen entwickelt sich ein Briefwechsel, der das Empfinden, Erleben und Verarbeiten der Ereignisse jeder Einzelnen in der vergangenen und auch in der gegenwärtigen Zeit beschreibt.

Mein Leseeindruck:
Die zahlreichen Attentate und Entführungen in den siebziger Jahren mit Beteiligung der RAF habe ich als Kind tagtäglich in den Nachrichten „miterlebt“. Sie waren Gesprächsstoff bei jeder Familienfeier und bei Treffen meiner Eltern mit Freunden. Noch immer habe ich die Schreckensbilder im Fernsehen und die Fahndungsbilder vor Augen. Auch heute noch bekomme ich ein beklemmendes Gefühl, wenn ich in Oberursel oder Bad Homburg spazieren gehe oder in Frankfurt die Straßennamenschilder von Ponto und auch Herrhausen wahrnehme.

Nachdem ich in der Dokumentation von Julia Albrecht von diesem Buch gehört habe, wollte ich es lesen. Das Buch hat mich von der ersten Seite an sehr berührt. Die beiden Frauen zeigen in ihrem Briefwechsel ihre innere Zerrissenheit und ihre anfängliche Distanz zueinander. Die Familien Ponto und Albrecht waren in den 70er Jahren eng miteinander befreundet. Die Eltern waren gegenseitig Paten ihrer Kinder. Umso schrecklicher erscheint es, dass die Patentochter in Kauf nahm, dass ihr Patenonkel getötet werden könnte (eine Entführung war geplant) und dann auch tatsächlich getötet wurde.

Die Familienfreundschaft ist aufgrund der Vorkommnisse zerbrochen. Ganz langsam, nach über 30 Jahren kann man wieder miteinander sprechen. Dieses Buch zeigt aus einem ganz anderen Blickwinkel (als ich ihn bisher hatte) die beiden Familienschicksale auf. Die Opfer kommen hier zu Wort und was sie zu sagen haben berührt sehr.

Zwischendurch gibt es auch für mich neue Informationen über das Leben der RAF Mitglieder. Besonders die Beschreibungen der Gerichtsverhandlungen haben mich sehr interessiert, aber auch wütend und traurig gemacht, wenn es um die Statements von S. Albrecht ging.

Die Zeitzeugnisse und auch die Zeittafel am Ende des Buches gaben mir noch einmal einen kompletten Überblick über all die schrecklichen Taten, mehr als ich tatsächlich in Erinnerung bzw. mitbekommen habe, weil ich in den „Anfangsjahren“ der RAF-Tätigkeiten dann doch noch zu jung war.

Fazit
Ein Buch aus Sicht der Opfer (der Taten der RAF), das sehr berührt. Der offene Dialog der beiden Frauen ist schonungslos, er hilft ein wenig, die Ereignisse in jenen Tagen besser einzuordnen – verstehen kann man sie aber bis heute nicht.

Bewertung: *****

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s